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Frau N.


Frau N. liegt seit vielen Wochen im Krankenhaus. Sie klein und abgemagert, wäre ihr Haar nicht dunkel, sie würde völlig in ihrem Bett verschwinden. Frau N. ist sehr schwach, schwächer, am schwächsten und immer müde, ihre Stimme ist ganz leise. Sie kann sich kaum rühren und möchte doch so gerne, gibt sich große Mühe und ist manchmal furchtbar wütend, weil sie noch so jung ist.

Auch ich bin wütend, wütend auf mich. Weil ich schon wieder vergessen hatte, wie frei ich bin, dass ich alles kann und darf.

Zur Arbeit gehen, Alltag haben, To-do-Listen abarbeiten.
Aufstehen können, rausgehen können, Beine haben, die gehorchen und mich dahin tragen, wohin ich will.

Appetit haben, essen wollen, essen dürfen, mich schon auf's nächste Essen freuen, im Restaurant essen können, auf der Couch essen können, auf der Wiese essen können, nachts um drei aufstehen und vorm Kühlschrank kalte Pizza essen können.

Die Wahl haben, gehe ich nach der Arbeit noch auf einen Kaffee mit A oder ist mir das zu stressig, weil ich noch so viel einkaufen und Geschenke einpacken sollte und das alles muss vor dem Maniküre-Termin erledigt sein, weil dananch muss ich den ganzen Abend vorsichtig sein mit den lackierten Nägeln. Überhaupt so etwas wie einen Maniküre-Termin zu haben, nicht hoffen müssen, dass mir irgendjemand mal die Nägel sauber macht und schneidet.  


Überlegen müssen, ob ich morgen nach einem harten Tag mit zuviel Alkohol feiern möchte oder den Abend doch besser mit Strickzeug und True Blood auf der Couch verbringe, weil am Wochenende so viel auf dem Plan steht, allein sein können oder Leute treffen, statt rund um die Uhr von Fremden umgeben zu sein, die jede Lebensäußerung mitbekommen, die Privatsphäre reduziert auf Bett und Nachttisch und nicht mal die hätte ich für mich.

Einen Körper mit Pickeln, komisch geformten Zehen, rasant wuchernder Nagelhaut und widerspenstigen Haarwirbeln zu haben, der ganz ohne Venenzugänge, Magensonden, Blasenkatheter, Sauerstoffbrillen seinen Dienst tut und ganz toll ist.


Was für ein unwahrscheinliches, riesengrosses Glück, verdammt noch mal. Danke dafür!


 







Kommentare

  1. ... und danke dir hierfür. du hast so rechtrechtrecht. meine güte, was hab ich heute schon wieder über quatsch gejammert. und dabei so viel gutes um mich herum ... immer dran denken ...!!!
    süßen gruß von der S. vom blech!

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  2. Zumindest ab und zu dran denken, zu sehr soll man sich ja auch nicht unter Druck setzen ;- )
    Aber ich bin sehr sehr froh, dass ich ab und zu mit Menschen wie Frau N. zu tun habe, und mich das immer wieder erdet, weil ich auch dazu neige, meine Zeit mit Jammern über Quatsch zu verschwenden.

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  3. Sehr schöner Eintrag*-*! Manchmal ist es eben auch wichtig, nicht nur mutig, sondern auch ein bisschen de-mu(e)tig zu sein ♥!
    Viele Grüße von Penelope

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